ZUR SACHE: EIN SCHILDBÜRGER(BÜRO)-STREICH

Die Kommunalwahl im September naht mit Riesenschritten – und je näher sie heranrückt, desto bürgerfreundlicher wird das Klima. Auch unser Stadtdirektor – nicht faul – reiht sich ein in den Kreis der bürgerfreundlichen Kandidaten, denn er möchte ja bekanntlich Hauptamtlicher Bürgermeister werden. Was liegt also näher, als die Einrichtung eines Bürgerbüros zu betreiben?

Zwar hatte die schwarz-grüne Koalition bereits seit 1994 die Einrichtung eines Bürgerbüros beantragt und in den Folgejahren immer wieder angemahnt. Aber Dr. Pilgrim lehnte dieses Ansinnen ebenso regelmäßig mit der Begründung ab, das Bürgerbüro würde zusätzliches Personal erfordern. In all den Jahren bis 1999 bestand die einzige Leistung der Verwaltungsspitze darin, sich in einer Bürgerumfrage die allgemeine Zufriedenheit mit der Verwaltung bestätigen zu lassen. Das war's dann auch schon. Die Jahre gingen ins Land –  mittlerweise schossen in den Nachbarkommunen die Bürgerbüros wie die Pilze aus dem Boden: Leopoldshöhe (1996), Oerlinghausen (1998), Extertal (1998), Barntrup (1999), alles Städte u. Gemeinden, die eher kleiner als Blomberg sind.

Anfang 1999 kam dann in Blomberg erneut die Forderung nach dem Bürgerbüro auf den Tisch. Nach anfänglichen Rückzugsgefechten des Stadtdirektors plötzlich eine fieberhafte Aktivität in der Blomberger Verwaltung. In einer beispiellosen Crash-Aktion wurden Mitarbeiter, die gerade erst umgezogen waren, wieder aus ihren frisch bezogenen und renovierten Büros herauskomplimentiert und woanders hinverschoben. Nur ein Beispiel: ein betroffener Mitarbeiter sitzt jetzt wieder genau dort, wo er noch wenige Monate zuvor gesessen hatte. Andere Mitarbeiter/innen durften innerhalb einen halben Jahres einen Dreiecksumzug absolvieren. Rin in die Kartoffeln raus aus den Kartoffeln. Geht man so mit seinen Mitarbeitern um?

Leidtragende dieser Nacht- und Nebel-Aktion sind auch die Fraktionen von GRÜNEN und CDU, denen nach nur mündlicher Information kurzfristig die Fraktionsräume "unter dem Hintern" weggezogen wurden. Bis kurz vor Ende der Sommerpause waren die Fraktionen noch darüber im unklaren gelassen, wann mit dem Bezug der neuen Fraktionsräume gerechnet werden kann, was mit den Möbeln und dem Inventar ist, wann es denn einen Schlüssel gibt etc.

All diese Dinge sprechen nicht für eine vorausschauende Planung. Operative Hektik ersetzte hier offenbar geistige Windstille. Aber Zweck der Übung erreicht: unser Stadtdirektor und Hauptamtlicher Bürgermeisterkandidat darf sich pünktlich zur Kommunalwahl damit beweihräuchern, daß Blomberg jetzt auch über ein Bürgerbüro verfügt, noch dazu über ein besonders großes. Nachtigall, ick hör Dir trappsen ... dieses Timing ist wohl ein bißchen zu perfekt, als daß es sich dabei um einen Zufall handeln könnte. Und seltsam: nun ging es doch ohne die Einstellung zusätzlichen Personals. Was kümmert ihn sein dummes Geschwätz von gestern?

Leider hat der amtliche Oberstratege im Eifer des Gefechtes eine winzige Kleinigkeit übersehen: das Bürgerbüro im Erdgeschoß des Alten Amtsgerichts ist leider nur über eine Treppe zu erreichen und damit für Behinderte quasi unerreichbar. Mütter mit Kinderwagen dürften auch nicht gerade begeistert sein, wenn sie den Wagen unten an der Treppe stehen lassen müssen. Die "Klingelmännchen-Lösung" ist wohl auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Man stelle sich folgendes Szenario vor: bei Wind und Wetter darf ein Rollstuhlfahrer dann draußen warten, bis ein städtischer Mitarbeiter frei wird, die Tür öffnet und den Rollstuhl die Stufen hochwuchtet. Alles in allem sozusagen ein echter Schildbürger(büro)-Streich. Aber vielleicht hilft ja der Stadtdirektor höchstselbst den Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten die Treppen hinauf ... das wäre natürlich als besonderer Bürgerservice schlechterdings kaum noch zu überbieten.